"Das Backöfele ist Geschichte" - eine Stellungnahme

„The Times they are changing“ schmetterte vor einigen Jahrzehnten Bob Dylan ins Mikrofon und verwies damit auf die Vergänglichkeit scheinbar allen Seins – wie eine Art modernes memento mori sollen uns diese Zeilen daran erinnern, dass alles einem Wandel unterliegt, den selbst wir, die wir uns der Grenzen unserer Macht immer weniger bewusst sind, nicht aufhalten können. Gerade deshalb jedoch scheint es umso wichtiger, sich einige Konstanten in der sich um uns verändernden Welt aufrecht zu halten, um damit auf eben das zu verweisen, was schon lange Zeit vergangen ist. Nicht umsonst ist der Mensch ein Wesen, das sich „Denkmäler“ errichtet, um damit an glorreiche, wie dunkle Zeiten seiner eigenen Geschichte zu erinnern, ehe sie dem Vergessen anheimfallen und damit den Blick auf vergangene Fehler und richtige Entscheidungen verklären.

 

Auch im Fichtelgebirge stehen solche Denkmäler als Zeugen längst vergangener Tage, doch handelt es sich dabei nicht um in den Himmel strebende Bismarcktürme, mit denen manche Metropole an den stolzen Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts erinnert, sondern meist um Konstruktionen, die seit jeher einem Zweck dienen: Den Wanderern die Schönheit unserer Region vor Augen zu führen. Meist als einfache Bauwerke errichtet, gelten sie, die sie eigentlich nur der Mittler der Kultur sein sollten, mittlerweile selbst als deren fester Bestandteil und prägen mit ihrem markanten Aussehen Ansichtskarten, Wanderabzeichen und sonstige Souvenirs. Ein solcher Zeuge längst vergangener Tage findet sich auch auf dem Schneeberg; im Schatten des mächtigen Turmes (der zurecht als Mahnmal an die Jahre des schwelenden Konflikts zwischen Ost und West unter Denkmalschutz steht) erhebt sich, vom Wind und Wetter vergangener Generationen stark malträtiert, das „Backöfele“. Der hölzerne Turm wurde 1926 unter schwersten Anstrengungen von den Mitgliedern des Fichtelgebirgsvereins errichtet und löste einige ältere Konstruktionen ab, die jedoch meist nur aus einfachen Geländern und Leitern bestanden hatten. Natürlich bezog man damals auch den Geist der Zeit mit ein: Der Erste Weltkrieg war verloren, das Kaiserreich, 1871 euphorisch bejubelt, nurmehr eine traurige Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Mit der „Weimarer Republik“ wollte man einen Neuanfang wagen und dabei zugleich auf die Ideale der ersten Revolution von 1848 zurückverweisen.

 

Während jedoch in Berlin und anderen Metropolen das Leben pulsierte und die „Goldenen Zwanziger“ im Takt von Josephine Bakers Charleston tanzten, hatte das Fichtelgebirge mit ersten Krisen zu kämpfen. Insbesondere die schwache Wirtschaftskraft machte den Bewohnern der ländlichen Regionen zu schaffen. Ein letztes Mal blickte man mit Stolz zurück auf das, was unter Wilhelm den „Geist der Deutschen“ beflügelt hatte: Das Germanentum galt als Ideal der eigenen Geschichte und wurde in Gedichten, Epen, Opern und Theatern besungen. Während in Bayreuth die Aufführungen der Wagner-Stücke die Menschen an jene Mythen erinnerten, zelebrierte man im Fichtelgebirge die letzten Ausläufer der deutschen Romantik: Am Waldstein beispielsweise erinnerten sich die Zuschauer durch Sümmerers „Wunderblume“ an die Sagen und Legenden ihrer Heimat und am Schneeberg lehnte man die Gestaltung des neuen Aussichtsturmes an die Konstrukte der verklärt germanischen Kulte an.

 

Ihn als „nicht mehr zeitgemäß“ zu bezeichnen, entbehrt daher m.E. jedweder Grundlage. Man sollte ihn nicht allein auf den historischen Kontext beschränken, den er zu verkörpern scheint, sondern vielmehr als „Denk-Mal“ unserer Geschichte. Selbst wenn wir heute wissen, welche Ansprüche Bismarck eigentlich verfolgte, käme niemand auf die Idee, einen der ihm geweihten Türme einfach abzureißen. Immerhin dienen sie nicht allein seinem Andenken, sondern zeigen allen voran auf, welche Geisteshaltung unsere Vorfahren angenommen hatten, und erlauben damit einen Blick zurück auf unsere eigene Vergangenheit.

 

Wenn demnach das Backöfele aufgrund baulicher Mängel demontiert werden muss, ist dies vollends nachvollziehbar und eben jenem Wandel zuzuschreiben, der auch vor starken Eichenbohlen nicht Halt macht. Allerdings gibt es meiner Meinung nach keinerlei Grund, etwas, das seit 90 Jahren die Landschaft prägt und damit ein Sinnbild für unsere Region geworden ist, durch einen kompletten Neu-Entwurf zu ersetzen. Jedes Kind im Fichtelgebirge kennt die markante Konstruktion, viele verbinden schöne Erinnerungen an Schulausflüge mit den alten Eichenstämmen. Als Menschen, die sich ihren Traditionen verbunden fühlen, sollten wir ein solches Denkmal nicht einfach opfern, sondern vielmehr dazu beitragen, dass sich in einer Welt, die sich stetig schneller zu verändern scheint, wenigstens einige wenige Konstanten erhalten. Nicht allein, um von vergangenen Tagen zu künden und den Blick auf die eigene Geschichte (und damit auch auf die Gegenwart) zu stärken, sondern um jene Symbole unserer Heimat aktiv zu pflegen, die weit über ihre Grenzen hinaus von ihr berichten. Der Turm dient demnach nicht allein als Zeuge der 1920er Jahre, sondern auch als Beispiel für die Schaffenskraft unserer Ahnen, die ihn in Handarbeit errichtet hatten, um damit ihrem Stolz auf die Heimat Ausdruck zu verleihen. „Der Backöfeleturm ist Geschichte“ sollte daher wörtlich zu verstehen sein: Er ist tatsächlich ein Teil von ihr.

 

Stellungnahme des Fichtelgebirgsvereins

Auch der FGV selbst hat sich nach einer Besprechung im Hauptausschuss entsprechend geäußert: Eine Neukonstruktion ist aus nachvollziehbaren Gründen notwendig, doch spricht sich der Verein für einen Nachbau des Originals (unter Einhaltung neuer Sicherheitsaspekte) aus.

 

(Photo von fichtelgebirge-oberfranken.de)

 

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